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Wohnen auf Weltkriegsgiften
Oder: Teure Wohnungen auf fragwürdigem Grund

21.02.2015

Unter den Hallen der ehemaligen Schiffbauversuchsanstalt (HSVA) befinden sich Zeitzeugenaussagen zufolge hochgiftige Altlasten. Der Bezirk selbst schreibt von "Flächen, deren Böden erheblich mit umweltgefährdenden Stoffen belastet sind". Ohne dass ein Plan für die Aufarbeitung dieser Altlasten vorliegt, soll auf diesem Gebiet nun mit dem Bau von mindestens 675 Wohnungen sowie Bürogebäuden begonnen werden.

Unter den Hallen, in denen derzeit der Fundus der Hamburgischen Staatsoper untergebracht ist, befinden sich die Schleppkanäle der ehemaligen HSVA. Von 1913-1945 wurden dort u.a. Schiffs- und U-Boot-Rümpfe auf ihr Strömungsverhalten hin getestet. Mit Hilfe elektrisch betriebener Schleppwagen wurden die Prototypen dabei durch die Schleppkanäle gezogen. Der große Schleppkanal war 450 Meter lang, 16 Meter breit und knapp 7 Meter tief. Allein dieses Becken hatte also ein Volumen von über 45 000 Kubikmetern.

Teile der Becken der ehemaligen militärischen Forschungsanlage reichen bis 18 Meter tief in den Boden, also in etwa so weit, wie ein 5-stöckiges Wohnhaus aus dem Boden reicht! In ganz Europa gibt es keine einzige solche Anlage vergleichbarer Größe.

Unter britischer Besatzung wurden diese gigantischen Becken nicht nur mit Barmbeker Trümmerschutt, sondern wohl auch mit giftigen Substanzen und gefährlichen Gegenständen verfüllt und dann mit einer Betondecke versiegelt. Es kursieren Zeitzeugenaussagen u.a. über zahlreiche Kleinkampfmittel (1-Mann-U-Boote), Gewehr- und Flak-Munition sowie mehrere tausend Liter Batteriesäure (Schwefelsäure) - um nur einige Dinge zu nennen, die nach Kriegsende hier verklappt worden sein sollen.

Mehrere Anfragen beim Bezirksamt und im Stadtentwicklungsausschuss der Bezirksversammlung Hamburg-Nord brachten die Antwort, dass über den Inhalt der Becken nicht mehr bekannt sei als in den zu 'Barmbek Nord 11' veröffentlichten Gutachten. Interessant ist jedoch, dass die ehemaligen Schleppkanäle im B-Plan 'Barmbek Nord 11' als "Flächen, deren Böden erheblich mit umweltgefährdenden Stoffen belastet sind" bezeichnet werden.

Untersuchungen, die im Jahr 2000 im Auftrag der Stadt durchgeführt wurden, ergaben im direkten Grundwasserabstrom der HSVA erhöhte Schadstoffwerte, u.a. für polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, Toluol, Ethylbenzol, Schwermetalle und Arsen. Einige dieser Stoffe sind krebserregend. Fazit der Untersuchungen: "Zur Herkunft dieser Stoffe sind keine Kenntnisse vorhanden." Ob diese Werte mit dem Inhalt der Becken in einem Zusammenhang stehen, ist nicht klar. Am 14.02.2015 berichtete das Hamburg-Journal des NDR über diese Zustände und die Sorgen der Anwohner.

Nachtrag, Juni 2015: Die BSU hat inzwischen mitgeteilt, dass der Bebauungsplan "Barmbek Nord 11" in diesem Punkt fehlerhaft sei. Die darin angeführte Untersuchung sei einige Monate später wiederholt worden und habe dann unauffällige Werte geliefert. Was verwundert, ist, dass der Bebauungsplan daraufhin nicht geändert wurde. Darin ist immer noch zu lesen, dass die Böden unterhalb des Opernfundus erheblich belastet seien.

Genau auf diesem Grund wollen Senat und Bezirk Nord nun mindestens 675 Wohnungen und auch einen Kindergarten bauen.

Die Bürgerinitiative Dieselstraßenland fordert, dass die Bürger von Barmbek Nord umfassend über den Inhalt der unterirdischen "Betonsärge" aufgeklärt werden.
Was ist über die Altlasten in den Schleppkanälen bekannt? Gab es Probebohrungen? Wenn ja, mit welchen Ergebnissen? Wenn nein, wann werden der Bezirk oder die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) sie veranlassen?
Es darf keinesfalls gebaut werden, bevor Art und Umfang der Altlasten zuerst detailliert geklärt und diese anschließend fachgerecht entsorgt worden sind.


Eine entsprechende Anfrage an die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU), Amt für Umweltschutz vom 19.02.2015 blieb inhaltlich lange unbeantwortet. Die Behörde wies im zweizeiligen Antwortschreiben die Zuständigkeit von sich und verwies an den Bezirk Nord, der allerdings schon vorher mehrfach mitgeteilt hat, dass man dort selbst gern wissen wolle, was sich in den versiegelten unterirdischen Becken befinde. Wie kann in unmittelbarer Nähe hochsensibler Nutzungen (u.a. Wohnen, Kleingärten, Nutzpflanzenanbau) eine "erhebliche" Belastung mit umweltgefährdenden Stoffen in Kauf genommen werden? Eine akute Bedrohung von Boden und Grundwasser und Menschen ist nicht auszuschließen. Wieso unternimmt das Amt für Umweltschutz der BSU nichts, das für Boden / Altlasten zuständig ist?

Nachtrag, Juni 2015: Inzwischen hat es eine Probenentnahme gegeben. Immerhin hat die BSU damit einen ersten Schritt unternommen. Munition oder andere Giftstoffe sind dabei offenbar nicht gefunden worden. Die genauen Ergebnisse sind aber leider noch nicht bekannt und für den Großteil der unterirdischen Becken steht die Untersuchung noch aus.

Die Sanierung des Bodens und möglicher Kriegs-Altlasten sollte nicht über ein Bebauungsplanverfahren "gelöst" werden. Die widersprüchlichen Angaben von BSU einerseits und Bebauungsplan andererseits lassen Zweifel an den Gutachten aufkommen, die die Planungsgrundlage bilden. Die Zeithorizonte, auf die sich die Gutachten beziehen, sind bereits zum jetzigen Zeitpunkt schon vollkommen überholt. Das Luftschadstoffgutachten bezieht sich beispielsweise auf das Jahr 2018 als Fertigstellungsjahr. Von Fertigstellung kann allerdings nicht die Rede sein. Derzeit scheint es so, als würde die Bautätigkeit auf Baufeld 2 frühestens 2018 überhaupt beginnen.

Enorme Summen aus Steuergeldern, die bisher in die Planung und Erstellung von Gutachten gewandert sind, wären also möglicherweise umsonst ausgegeben worden. Für den Rückbau der unterirdischen Bauwerke wird ein Betrag <5 Millionen Euro angegeben. Einige Anwohner sind in Sorge, dass die unterirdischen Bauwerke nicht vollständig zurückgebaut werden sollen.

Eine komplette und fachgerechte Ausräumung und Entsorgung der zigtausenden Kubikmeter eventuell verunreinigter Massen, inklusive der gewaltigen Stahlbetonbecken, dürfte weitaus teurer werden. Nicht umsonst wird 'Barmbek Nord 11' von manchen als die 'Barmbeker Elbphilharmonie' bezeichnet.

Aus wirtschaftlicher Sicht ist 'Barmbek Nord 11' schon jetzt kein Gewinnerprojekt. Der Umzug des Opernfundus inklusive Neubau in Rothenburgsort ist so teuer, dass das gesamte Bauprojekt selbst ohne Berücksichtigung der Altlasten bereits ein unwirtschaftliches Unterfangen darstellt. Das werden vielleicht die teuersten Wohnungen, die Barmbek je gesehen hat!

*

Wir sind übrigens durchaus nicht prinzipiell gegen eine Bebauung. Wir sind lediglich gegen die Bebauung, wie sie derzeit in 'Barmbek Nord 11' vorgesehen ist, und das nicht nur wegen der Ungereimtheiten bezüglich der Altlasten, sondern weil wir den Entwurf sowohl stadtplanerisch für ideenlos, als auch aus infrastruktureller Sicht für nicht sinnvoll halten.

Ein unserer Ansicht nach in jeglicher Hinsicht plausiblerer Alternativvorschlag zu "Barmbek Nord 11" wurde bereits 2011 von Anwohnern erarbeitet und ist dem Bezirk bekannt. Er sieht den Erhalt der Grünflächen vor, wobei sich die Bebauung sinnvoller Weise auf das Gebiet der ehemaligen HSVA bezieht. Damit könnten die Altlasten ideal und vollständig aufgearbeitet werden, womit viele weitere Vorteile verbunden sind, die wir auf Anfrage gerne näher erläutern.

Der Alternativvorschlag ist dokumentiert worden und über die Website von hamburg.de erreichbar: Protokoll vom Workshop am 24.09.2011 (Der betreffende Entwurf ist in dem PDF-Dokument auf den Seiten 12-14 zu finden. Eine Skizze befindet sich auf Seite 14.)


Bildnachweis: Habicht (c) Wolfgang Trimmel - Bildnachweis: children silhouette (c) Sylwia Nowik/fotolia.com

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